Der Buchsbaum


Wie ein „Palmzweig“, der ein Buchszweig war, mein Leben begleitete. – Gevatter Tod kam erwartet. Heilig Abend 1989, 21:15. Das Ende einer 39jährigen Ehe. Elisabeth +.

Die Trauer. Allumfassend. Trost und Hoffnung im Mainzer Dom gesucht und gefunden. Palmsonntag 1990. Die Hl. Messe. Beim Verlassen des Doms mit einer freundlichen Geste überreicht: Der „Palmzweig“. –

Das Grab auf dem Alten Schwanheimer Friedhof in Frankfurt/Main. Den kleinen Buchszweig in die Erde gesteckt. -

Die Zeit verging. Die Trauer blieb. Und immer wieder die Hl. Messe im Mainzer Dom.

Das Grab gerichtet und gepflegt. „Der Palmzweig“ blieb, wie ursprünglich eingesetzt. Jetzt eingerahmt von Blumen und kleinen Pflanzen. Er wollte und sollte nicht vertrocknen. Es wurde Herbst. Der Winter kam und wieder der Frühling. Die Trauer blieb. Ebenso die Hl. Messe im Mainzer Dom. Und immer wieder, wie ein Zwang, der Gang zum Grab. Die Monate vergingen und die Jahre. Trauer und Einsamkeit meine ständigen Begleiter. Das bißchen Buchs grünte immer noch. Dann die unglaubliche Überraschung: kleine, neue Triebe zeigten sich.

„Das Leben geht weiter“ sagte der Postbote Mücke im Januar 1990 zu mir. - Er sollte recht behalten.

Vier Jahre später. Auf Elisabeths Grab das wundersame Wachsen des ehemaligen „Palmzweiges“. Fast unbemerkt keimte Hoffnung in mir. -

Meine Einsamkeit bedrückte und bedrängte. Und der Buchs überragte jetzt schon alle anderen Gewächse auf dem Grab.
Mein einziger Freund, Gerhard Zappe + war ein eifriger Leser der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er sammelte sie für mich schon seit geraumer Zeit. Einmal in der Woche holte ich sie sauber gebündelt ab.

Mit Interesse las ich nun Heiratsanzeigen und ähnliche Kontaktwünsche. Alle Suchenden waren einsam mit dem Drang nach Zweisamkeit. So schrieb ich denn und erhielt Antworten. – Zufällig blätterte ich in der Ärztezeitung. Auch Akademiker/innen sind einsam.

Und so machte ich mich denn auf, eine Frau zu suchen. Erfahrungen und Erlebnisse der besonderen Art bereiteten mir schlaflose Nächte.

Die Bibliothekarin aus Frankfurt, vom Lebensgefährten verlassen.

Die Witwe mit der Eigentumswohnung in Bayern.

Die Ärztin aus Flörsheim. Unvergessen: Ihr Hass auf den Vater. -

Die reiche Witwe aus Königstein. Akademikerin mit Villa.

Die Witwe, Haus in der Eschersheimer Landstraße in Frankfurt.

Die sehr füllige junge Frau, kurzatmig.

Die Witwe des Ingenieurs, großes Haus und Grundstück bei Heilbronn.

Die Witwe mit dem Wohnwagen an der Lahn.

Die Witwe in Nußloch mit der Zirkusvergangengheit.

Die zweifache Witwe, Eigentumswohnung in Braunlage/Harz und Haus in Berlin.

Die Frau des Journalisten aus Mannheim mit Eigentumswohnung und untreuem Mann, in Scheidung lebend. Großes Baugrundstück in Erbach/Odenwald.

Die Arztwitwe mit Eigentumswohnung in Nürnberg-Feucht.

Es waren zwölf persönliche Begegnungen. Die Geschichten, die ich hörte, werde ich nicht vergessen. –

Immer wieder suchte ich Trost und Kraft im Mainzer Dom. Und immer wieder zog es mich an das Grab von Elisabeth. – Den Buchs im Blick mit seiner nicht alltäglichen Vergangenheit.

Im Dezember 1993 Anzeige in der Frankfurter Allgemeine Zeitung: Vorstandssekretärin sucht einen großzügigen Mann und mehr. Ich fühlte mich angesprochen, wie bei den zwölf vorherigen Begegnungen. Aber Zweifel kamen auf. - Mein Freund Gerhard Zappe und ich rätselten. Auch hier kam es zu einer persönlichen Begegnung. – Eine junge, attraktive Frau. Der erste Blick zündete. Sie kam in mein Haus. Das Gespräch bis Mitternacht.

Wir heirateten zwei Tage vor meinem 70. Geburtstag am 19. August 1994 in Kronberg/Taunus.

Der Buchs wurde größer und bedrängte den Grabstein. Wir bauten ein Haus im Westerwald. Und so folgte er uns eines Tages mit seinem großen Ballen. Heuer wächst er als Buchsbaum der besonderen Art vor unserer Terrasse. Er ist über zwei Meter groß, sehr ausladend, im Sommer mit Blüten.

In der altehrwürdigen Klosterkirche von Maria Laach beten wir und danken Gott.












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